Kunst auf Selikum

OH, DU SELIGES SELIKUM

IN RHEINKULTUR : Das Journal fr Kultur, Kommerz & Lebensart an Rhein und Ruhr - 24.11.2007

Gerademal sieben Autominuten von der Museumsinsel Hombroich entfernt hat die Kunst einen neuen Ort bekommen – in einem niederrheinischen Backsteingehöft. Gut Selikum, gelegen im kleinsten Stadtteil von Neuss, ist allerdings kein Museum, keine Galerie und auch kein Atelier. Dort ist die Kunst vielmehr bei wahren Liebhabern schlicht gut aufgehoben und anzuschauen. Christiane und Lothar Pues haben das Atelier des Künstlers Gerhard Hoehme nach dessen Tod erworben, um den Raum für die Kunst zu bewahren. Bereits an ihrem früheren Wohnort Essen hatten sie anspruchsvolle Ausstellungen, Lesungen und Konzerte unter dem Stichwort „Kunst im Wohnraum“ organisiert, ohne dabei ein kommerzielles Interesse zu verfolgen.

Das Engagement der Familie Pues begann, als der Kunstsammler Willy Kemp sie in Essen unmittelbar nach einem Hauskonzert darum bat, ihre Räume für die Kunst zur Verfügung zu stellen. Da fingen sie Feuer. Denn der Umgang mit der Kunst hat ihnen neue Perspektiven geöffnet und ihr Leben bereichert. Ihr privates Engagement, ihre Offenheit und Neugier in künstlerischen Dingen sprach sich schnell in den berühmten einschlägigen Kreisen herum.

Der mit ihnen befreundete Fotograf Prof. Timm Rautert – der eine Meisterklasse an der Hochschule für Gestaltung in Leipzig leitet und abwechselnd in Leipzig und Essen wohnt – schlug vor, seinen Meisterschülern eine Ausstellung zu ermöglichen. Sein Professorenkollege in Leipzig, der Maler Neo Rauch, war von dieser Idee ebenso angetan. Also stellten beide die gemeinsame Ausstellung ihrer Meisterschüler zusammen. Der Titel der Ausstellung: „Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will…“ zitiert den Maler Paul Cézanne, der 1839 geboren wurde, im Jahr der Erfindung der Fotografie. Das Zitat verweist auf die im 18. und 19. Jahrhundert beginnende, vielfach in Kunst und Wissenschaft dokumentierte Wahrnehmung der Beschleunigung aller Erscheinungen – eine durch die moderne Technik beförderte Grunderfahrung.

Dies spiegelt auch die Selikum-Ausstellung (zu sehen bis 16. Dezember) in ihrem Dialog aus Fotografie und Malerei. Wobei deutlich wird, dass sich beide Kunstformen seit dem 19. Jahrhundert sowohl parallel als auch komplementär entwickelt haben. Zu entdecken sind die inneren Momente der Flüchtigkeit, und natürlich werfen die Exponate die seither immer wieder leidenschaftlich diskutierte Frage nach Authentizität, nach Realität und Fiktion auf wie sie auch heute noch den künstlerischen Diskurs bestimmt.

Gezeigt werden in Selikum Werke von Claudia Angelmaier, Florian Ebner/Ma - nuel Reinartz, Stefan Guggisberg, Edgar L., Johannes Rochhausen, Nadine Rüfenacht, Adrian Sauer, Robert Seidel, Kathrin Thiele und Mirjam Völker. Auf den zwei Ausstellungsebenen werden die künstlerischen Positionen der Malerei und der Fotografie geschickt von den Kuratoren gegenübergestellt und verschränkt. Im Erdgeschoss „intervenieren“ vor allem die fotografischen Arbeiten bei der Malerei, im ersten Obergeschoss wird das Verhältnis umgekehrt. Malerei und Fotografie, diese stehen in Leipzig gleichberechtigt nebeneinander. So studierte etwa Stefan Guggisberg gleichzeitig in den Klassen Neo Rauchs und Timm Rauterts. Eines der Themen der Ausstellung ist u.a. auch die Auseinandersetzung mit dem Ort des „Künstlerateliers“. Gut Selikum – ideal in der Nähe der künstlerischen „Ballungsräume“ für Fotografie und Malerei zwischen Köln, Düsseldorf und dem Ruhrgebiet gelegen – gibt hierfür den idealen Ausstellungsrahmen ab. Petra Kammann

Leipziger Schule macht Station im Rheinland

Welt am Sonntag - 04.11.2007


Selikum ist der kleinste Stadtteil von Neuss. Es gibt hier ein paar Häuser und Bauernhöfe, die versprengt in ländlicher Gegend stehen. Wer gerne sonntags ein wenig frische Luft tanken will, für den ist die melancholische, niederrheinische Landschaft ideal. Doch seit ein paar Monaten hat die Kunstszene Selikum entdeckt.

Künstler, Kuratoren und Sammler kommen am Wochenende hierher, um Ausstellungen auf "Gut Selikum" anzuschauen. "Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will", lautet der Titel der Schau, die zurzeit dort stattfindet. Gezeigt werden Werke, Fotografien und Gemälde von zehn Künstlern, die in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studieren oder studiert haben. Kuratiert wurde die Ausstellung von dem Fotografen Timm Rautert und dem Maler Neo Rauch, beide Professoren an dem traditionsreichen Institut.

Als Gutshof hatte der Selikumer Gebäudekomplex aus der Mitte des 19. Jahrhunderts schon seit mehr als 30 Jahren abgewirtschaftet. Bereits 1974 zog der bekannte Künstler Gerhard Hoehme dort ein. Den ehemaligen Kuhstall mit den schmalen Eisensäulen und dem darüber liegenden Heuschober baute er mit architektonischer Präzision zum Atelier um. Bis zu seinem Tod 1989 schuf er dort informelle Kunstwerke. Als der Essener Steuerberater Lothar Pues das Gebäude im vergangenen Jahr erwarb, musste er nicht viel verändern, um hier Ausstellungen zeigen zu können. Ein bisschen weiße Farbe reichte schon, und der Raum war für aktuelle Kunst bespielbar.

Pues, der zwar schon selbst kleine Ausstellungen in seiner Essener Wohnung kuratiert hat, erkannte, dass dieser spezielle Kunstort Selikum ein außergewöhnliches Programm fordert. Daher zögerte er nicht und lud Neo Rauch und Timm Rautert ein, dort die erste große Ausstellung zu entwickeln. Dass Pues den berühmten Maler Rauch gewinnen konnte, liegt vor allem daran, dass Rauch während seines Studiums in Leipzig eine Seminararbeit über die Kunst des Informel geschrieben hatte. Und jetzt an dem Ort zu wirken, an dem Hoehme als einer der wichtigsten Vertreter dieser Kunstrichtung sein Atelier hatte, schien ihm reizvoll. Es ist nicht leicht, aus den zehn Positionen ein paar herausragende rauszufiltern, denn insgesamt ist die künstlerische Qualität der gezeigten Arbeiten außerordentlich hoch. Vielleicht sollte man die Bilder Johannes Rochhausens, der immer sein eigenes Atelier malt, oder die Fotos Claudia Angelmaiers, die Komposition aus Büchern bildet und sie anschließend fotografiert, herausgreifen. Für Kunst auf Selikum kann man sich nur wünschen, dass auch die zukünftigen Ausstellungen diese Qualität haben werden.


Leipziger Schule macht Station im Rheinland

Die Welt - 17.10.2007


Keine Sorge, Sie kommen nicht zu spät. Die Ausstellung läuft noch. Es ist nur ihr Titel, der da warnt: "Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will." Wer sich schlau macht, der erfährt: Der Satz ist ein Zitat von Paul Cézanne, gefallen mit Blick auf den Wandel seines geliebten Aix-en-Provence. Doch über den Zusammenhang schweigen Neo Rauch und Timm Rautert sich aus. Die beiden Künstler-Professoren aus Leipzig, die im Gut Selikum als Künstler-Kuratoren auftreten, haben sich das einfallen lassen. Und zeigen unter dem seltsamen Motto Arbeiten ihrer Studenten an der Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Das wirft Fragen auf. Wer kannte bislang Gut Selikum? Wohl nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten. Aber der könnte größer werden, seit der Name Neo Rauch die Kunstliebhaber anzieht wie das Licht die Motten. Selikum - das ist ein ruhiger Vorort von Neuss. Mitten im Wohnviertel finden sich hier die idyllischen Reste eines ehemals bewirtschafteten Bauernhofes. Den früheren Kuhstall baute sich der Maler Gerhard Hoehme zum Atelier aus. Nach seinem Tod 1989 stand es leer. Bis der Düsseldorfer Steuerberater Lothar Pues es im vergangenen Jahr entdeckte. Und kaufte, um Hoehmes Traum wieder zu beleben. Auch Hoehme wollte hier Ausstellungen befreundeter Künstler zeigen. Pues widmete den Ort der Kunst und schlüpft dabei bescheiden in die Rolle des Hüters: Am Wochenende, während der Öffnungszeiten, begrüßt er nicht nur die Gäste, sondern bewacht auch die Schätze, führt, wenn der Besucher es wünscht, durch die Räume, und fühlt sich im Angesicht der Werke von der Last monetärer Berechnungen befreit. Anfragen von Galeristen beantwortet er mit knappem Nein. Was hier hängt, ist unverkäuflich. Jedenfalls solange sich die Werke in seiner Obhut befinden. Kein Zweifel allerdings, dass so manche Arbeit aus den Klassen Rauch und Rautert auf dem Markt auftauchen wird - darunter die eigenwilligen Spielzeugstadt-Veduten von Robert Seidel oder die Atelieransichten von Johannes Rochhausen. Die strengen, von Mondrian inspirierten Fotografien von Claudia Angelmeier könnten einen bibliophilen Sammler betören, denn farbige Buchränder bilden die Grundlage ihrer Kompositionen.

Lothar Pues, der 1999 in Essen begann, regelmäßig "Kunst im Wohnraum" zu präsentieren, hat über den Sammler Willi Kemp (Düsseldorf) zu seinem Hobby gefunden. Dem waren, bei einem Hauskonzert, die freien Wandflächen im Essener Domizil des Steuerberaters aufgefallen. Alsbald hingen dort - vorübergehend - Werke aus seiner Sammlung, später legte Pues die Ausstellungen in Timm Rauterts Hand, der jetzt Neo Rauch mit ins Boot holte. Dem wiederum erschien die Nähe zu Hoehme interessant, hat sich Rauch doch auch intensiv mit dem Informel auseinandergesetzt. Ebenfalls gefiel dem Maler-Star der Ort. Und noch ein weiterer hat es ihm angetan - das Max-Ernst-Museum in Brühl. Dort stellt der Meister im Oktober sogar selbst aus. Leipzig erobert das Rheinland? Es muss ja nicht immer das Metropolitan Museum sein.

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div> Timm Rautert. Foto: HGB


Ausstellung: Schüler von Rauch und Rautert in Neuss

eipziger Volkszeitung - 16.8.2007


Die Leipziger Kunstprofessoren Neo Rauch und Timm Rautert eröffnen morgen eine Ausstellung im Gut Seli-kum in Neuss. Gezeigt werden Arbeiten von Meisterschülern der Klassen von Rauch und Rautert, wie die Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) gestern mitteilte. Rauch leitet an der HGB die Klasse für Malerei und Grafik, Rautert die für künstlerische Fotografie. Die Ausstellung soll beide Darstellungsformen - Fotografie und Malerei - sowohl gegeneinander setzen als auch zueinander in Beziehung stellen. Thematisiert werden dabei Fragen nach Verlust von Authentizität oder der Begriff der Flüchtigkeit. Werke der Fotografie, vornehmlich im Erdgeschoss, intervenieren bei der Malerei, im 1. Obergeschoss, und umgekehrt. Gut Selikum, in der Nähe der künstlerischen Ballungsräume für Fotografie und Malerei Köln, Düsseldorf und dem Ruhrgebiet gelegen, biete hierfür den idealen Ausstellungsrahmen, so die HGB. Die Ausstellung unter dem Titel „Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will - Malerei und Fotografie der Leipziger Schule" geht bis 16. Dezember. Gezeigt werden Arbeiten der LVZ-Kunstpreisträgerin 2007, Claudia Angelmaier, außerdem Werke von Florian Ebner/Manuel Reinartz, Stefan Guggisberg, Edgar L., Johannes Rochhausen, Nadine Rüfenacht, Adrian Sauer, Robert Seidel, Kathrin Thiele und Mirjam Völker. Die Schau wird von Neo Rauch und Timm Rautert gemeinsam kuratiert. Zur Eröffnung hält Carsten Tabel, Meisterschüler bei Timm Rautert und Literat, eine Lesung mit dem Titel „Anlass zum Willen". Timm Rautert. Foto: HGB