Kunst auf Selikum

Leipziger Schule macht Station im Rheinland

Die Welt - 17.10.2007

Keine Sorge, Sie kommen nicht zu spät. Die Ausstellung läuft noch. Es ist nur ihr Titel, der da warnt: "Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will." Wer sich schlau macht, der erfährt: Der Satz ist ein Zitat von Paul Cézanne, gefallen mit Blick auf den Wandel seines geliebten Aix-en-Provence. Doch über den Zusammenhang schweigen Neo Rauch und Timm Rautert sich aus. Die beiden Künstler-Professoren aus Leipzig, die im Gut Selikum als Künstler-Kuratoren auftreten, haben sich das einfallen lassen. Und zeigen unter dem seltsamen Motto Arbeiten ihrer Studenten an der Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Das wirft Fragen auf. Wer kannte bislang Gut Selikum? Wohl nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten. Aber der könnte größer werden, seit der Name Neo Rauch die Kunstliebhaber anzieht wie das Licht die Motten. Selikum - das ist ein ruhiger Vorort von Neuss. Mitten im Wohnviertel finden sich hier die idyllischen Reste eines ehemals bewirtschafteten Bauernhofes. Den früheren Kuhstall baute sich der Maler Gerhard Hoehme zum Atelier aus. Nach seinem Tod 1989 stand es leer. Bis der Düsseldorfer Steuerberater Lothar Pues es im vergangenen Jahr entdeckte. Und kaufte, um Hoehmes Traum wieder zu beleben. Auch Hoehme wollte hier Ausstellungen befreundeter Künstler zeigen. Pues widmete den Ort der Kunst und schlüpft dabei bescheiden in die Rolle des Hüters: Am Wochenende, während der Öffnungszeiten, begrüßt er nicht nur die Gäste, sondern bewacht auch die Schätze, führt, wenn der Besucher es wünscht, durch die Räume, und fühlt sich im Angesicht der Werke von der Last monetärer Berechnungen befreit. Anfragen von Galeristen beantwortet er mit knappem Nein. Was hier hängt, ist unverkäuflich. Jedenfalls solange sich die Werke in seiner Obhut befinden. Kein Zweifel allerdings, dass so manche Arbeit aus den Klassen Rauch und Rautert auf dem Markt auftauchen wird - darunter die eigenwilligen Spielzeugstadt-Veduten von Robert Seidel oder die Atelieransichten von Johannes Rochhausen. Die strengen, von Mondrian inspirierten Fotografien von Claudia Angelmeier könnten einen bibliophilen Sammler betören, denn farbige Buchränder bilden die Grundlage ihrer Kompositionen.

Lothar Pues, der 1999 in Essen begann, regelmäßig "Kunst im Wohnraum" zu präsentieren, hat über den Sammler Willi Kemp (Düsseldorf) zu seinem Hobby gefunden. Dem waren, bei einem Hauskonzert, die freien Wandflächen im Essener Domizil des Steuerberaters aufgefallen. Alsbald hingen dort - vorübergehend - Werke aus seiner Sammlung, später legte Pues die Ausstellungen in Timm Rauterts Hand, der jetzt Neo Rauch mit ins Boot holte. Dem wiederum erschien die Nähe zu Hoehme interessant, hat sich Rauch doch auch intensiv mit dem Informel auseinandergesetzt. Ebenfalls gefiel dem Maler-Star der Ort. Und noch ein weiterer hat es ihm angetan - das Max-Ernst-Museum in Brühl. Dort stellt der Meister im Oktober sogar selbst aus. Leipzig erobert das Rheinland? Es muss ja nicht immer das Metropolitan Museum sein.