Kunst auf Selikum

Welt am Sonntag - 04.11.2007

Selikum ist der kleinste Stadtteil von Neuss. Es gibt hier ein paar Häuser und Bauernhöfe, die versprengt in ländlicher Gegend stehen. Wer gerne sonntags ein wenig frische Luft tanken will, für den ist die melancholische, niederrheinische Landschaft ideal. Doch seit ein paar Monaten hat die Kunstszene Selikum entdeckt.

Künstler, Kuratoren und Sammler kommen am Wochenende hierher, um Ausstellungen auf "Gut Selikum" anzuschauen. "Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will", lautet der Titel der Schau, die zurzeit dort stattfindet. Gezeigt werden Werke, Fotografien und Gemälde von zehn Künstlern, die in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studieren oder studiert haben. Kuratiert wurde die Ausstellung von dem Fotografen Timm Rautert und dem Maler Neo Rauch, beide Professoren an dem traditionsreichen Institut.

Als Gutshof hatte der Selikumer Gebäudekomplex aus der Mitte des 19. Jahrhunderts schon seit mehr als 30 Jahren abgewirtschaftet. Bereits 1974 zog der bekannte Künstler Gerhard Hoehme dort ein. Den ehemaligen Kuhstall mit den schmalen Eisensäulen und dem darüber liegenden Heuschober baute er mit architektonischer Präzision zum Atelier um. Bis zu seinem Tod 1989 schuf er dort informelle Kunstwerke. Als der Essener Steuerberater Lothar Pues das Gebäude im vergangenen Jahr erwarb, musste er nicht viel verändern, um hier Ausstellungen zeigen zu können. Ein bisschen weiße Farbe reichte schon, und der Raum war für aktuelle Kunst bespielbar.

Pues, der zwar schon selbst kleine Ausstellungen in seiner Essener Wohnung kuratiert hat, erkannte, dass dieser spezielle Kunstort Selikum ein außergewöhnliches Programm fordert. Daher zögerte er nicht und lud Neo Rauch und Timm Rautert ein, dort die erste große Ausstellung zu entwickeln. Dass Pues den berühmten Maler Rauch gewinnen konnte, liegt vor allem daran, dass Rauch während seines Studiums in Leipzig eine Seminararbeit über die Kunst des Informel geschrieben hatte. Und jetzt an dem Ort zu wirken, an dem Hoehme als einer der wichtigsten Vertreter dieser Kunstrichtung sein Atelier hatte, schien ihm reizvoll. Es ist nicht leicht, aus den zehn Positionen ein paar herausragende rauszufiltern, denn insgesamt ist die künstlerische Qualität der gezeigten Arbeiten außerordentlich hoch. Vielleicht sollte man die Bilder Johannes Rochhausens, der immer sein eigenes Atelier malt, oder die Fotos Claudia Angelmaiers, die Komposition aus Büchern bildet und sie anschließend fotografiert, herausgreifen. Für Kunst auf Selikum kann man sich nur wünschen, dass auch die zukünftigen Ausstellungen diese Qualität haben werden.